Auf der Suche nach dem „Mehr“
Alle Wege führten nach Augsburg zum internationalen Kongress «erleben und lernen». Inspiriert sass ich im Vortrag von dem Philosophen Christoph Quarch, der über die Verbindung von Abenteuer und Verantwortung sprach. Wie aus intensivem Erleben mutiges Handeln wird und warum das so sein muss. Bevor ich zu meiner Gegenüberstellung komme, lade ich euch auf eine Reise ein. Meine Gedanken haben gegenüber euren einen Vorsprung und ich möchte euch dazu einladen, während dem Lesen in eine innere Diskussion zu gehen, das eigene Verhalten zu prüfen oder sogar zu ergründen, wie eure Haltung dazu ist.
Quarch beginnt mit dem modernen Selbstverständnis, unserer Sicht auf die Welt. Gibt es überhaupt noch etwas, worauf wir uns verlassen können? Viele Philosophen begründen dies mit unserer eigenen Ratio, unserem Verstand. Das menschliche Denken sei das Einzige, auf dem man sich ergründen kann. Im Gegenzug dazu steht die Natur, auf der man das Leben besser nicht gründet.
Diese Haltung zur Welt, die wir uns angewöhnt haben, bekundet eine Form der nicht Verbundenheit zu dem, was rund um ist. So wird das Zeitunglesen oder das Newsportal zur Befriedigung der Neugier, es herrscht eine vermeintliche Sicherheit, in der wir uns wiegen. Wir zeigen uns als Zuschauer, ja sogar als Schaulustige unseres eigenen Weltgeschehens. Wir haben gelernt, uns erregen zu lassen, ohne dabei in eine Form des Handelns gerufen zu werden – wir bleiben unbeteiligt. So fühlen wir uns angesprochen, ohne darauf eine Antwort zu geben. Wir können uns aufrufen lassen, ohne uns dabei zur Verantwortung zu ziehen. Wir können die Welt erfahren, ohne auf jegliche Weise betroffen zu sein. Quarch bezeichnet dies als Erfahrung, der Mensch erfährt die Welt. Menschen absorbieren das Erfahrene und verbuchen es in ihrem Erfahrungswissen. Er beschreibt, wie es für uns Menschen einen besonderen Reiz und eine Faszination ausstrahlt, wenn wir Zeugen eines abenteuerlichen Geschehnisses werden, solange wir selbst nicht davon betroffen sind. Dabei macht er das Beispiel eines Schiffsunglücks auf hoher See.
Der Beobachtende bleibt bei sich, geniesst seine Erregung ohne zu handeln, weshalb seine Erfahrung nicht in die Welt zurück wirkt – er bezeichnet dies als ästhetisches Betrachten. Dem gegenübergestellt ist der Schiffbrüchige. Dieser ist existenziell betroffen und bleibt nicht unberührt von dem, was ihm widerfährt. Er ist in der Ganzheit seines Lebens berührt, das Erfahrene geht ihn mit Leib und Seele etwas an. Quarch geht davon aus, dass man ein Abenteuer nicht erfährt, man erlebt es oder durchlebt es. Und genau das unterscheidet einen Abenteurer vom ästhetischen Betrachter. Ob etwas ein Abenteuer ist, entscheidet das Geschehnis, nicht von sich selbst, sondern in der Art und Weise, wie wir uns zu diesem Geschehnis positionieren und verhalten.
Wir Menschen entscheiden in welcher Haltung wir der Welt begegnen und somit auch über dessen Geschehen. Martin Buber unterscheidet zwei Verhältnisse zur Welt. Die Welt als unser Es und die Welt als unser Du. Im Es macht der Mensch eine Erfahrung. Im Du lässt der Mensch zu, dass es zu einer Begegnung kommt. Ein Distanzieren wird nicht möglich sein, weil man selbst betroffen ist und sich in einer Beziehung erlebt. Wenn wir zulassen, dass uns etwas berühren darf, geht es an unsere Existenz. Was geschieht dann?
Der Betroffene bleibt nicht der, der er war, während dem der Erfahrene der gleiche bleibt. Wenn wir es zulassen, dass die Menschen und die Welt, die uns begegnet, uns widerfahren kann, uns in der Tiefe unseres Seins berühren darf, dann lassen wir zu, dass wir unter diesen Erlebnissen transformieren, uns verändern können.
Das Abenteuer wirkt auf die Lebendigkeit des Lebenden; es weckt in dem Menschen ungeahnte Potentiale, es lässt den Menschen wachsen und reifen. Quarch zitiert dazu Martin Buber „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“. Ein Abenteuer nimmt uns bedingungslos in Anspruch und ruft uns dazu auf, in unsere wirkliche Lebendigkeit herein zu finden. So unterlaufen wir gerade in der Erlebnispädagogik der Gefahr, ein Abenteuer zu inszenieren. Man kann es suchen, das Abenteuer aber nicht herstellen. Das Einzige, was wir tun können, sind Räume bereitstellen, in denen Menschen wirklich Betroffene werden können. Der Welt, die uns begegnet, etwas entgegnen. Und vielleicht ist dies ein Schritt in einen Dialog. Er lässt sich letztlich auf das Abenteuer des Lebens ein, zeigt sich couragiert und lässt sich berühren. Wenn wir uns auf dieses Wagnis einlassen, übernehmen wir damit Verantwortung. Verantwortung für uns und für die Welt. Dann sind wir bereit, dem, was uns das Leben zu sagen hat, eine Antwort zu geben. Christoph Quarch beendet seinen Vortrag mit den Worten: „Wer in sich das abenteuerliche Herz bewahrt hat, weiss sich zur Verantwortung berufen und wird tätig und beherzt in der Welt wirken.“
Den Vortrag schreibe ich teilweise in seinen, teilweise in meinen Worten Wochen danach nieder – die Worte wirken. Um den Sprung zurück in die Erlebnispädagogik zu wagen, möchte ich drei stattfindende Prozesse nochmals verdeutlichen. Der Prozess der Selbsterfahrung in der Natur, dann die Welt, die auf uns wirkt und der Begleiter, der das Ganze mit seiner hingebungsvollen Art ermöglicht.
Die Selbsterfahrung im Meer
Bewusst grenze ich mich vom Badeurlaub ab und möchte in eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Meer gehen, die stellvertretend für die Naturerfahrung steht. Ich spreche vom Leben auf dem Meer innerhalb eines Segeltörns, vom Leben eines Surfers in der Brandung und vom Leben unter Wasser im Versuch von Kiemen. (was ist der Versuch von Kiemen?) All diese Menschen teilen die Gemeinsamkeit einer bedingungslosen Liebe zur bewegten Natur. Der amerikanische Psychologe, Wallace J. Nichols, beschreibt in seiner wissenschaftlichen Thesis, wie das Wasser uns glücklicher, verbundener und produktiver in dem macht, was wir tun. Er setzt sich mit dem Begriff des «Blue Mind» auseinander. Eine wissenschaftliche Aufrollung von Emotionen, Verhalten, Psyche und Körperbewusstsein und wie all dies in Verbindung steht mit der Lebendigkeit, die uns das Wasser spüren lässt. Das Meer, der Ursprung allen Lebens.
„Das Meer ist keine Landschaft, es ist das Erlebnis der Ewigkeit.“ Thomas Mann
Die Zitate beschreiben, wie die Erfahrung im Meer oftmals in ein transzendentes Erleben des Selbst führen kann. Die Grenzen der Erfahrung, der sinnlich erkennbaren Welt wird überschritten. Es ist ein Versuch, seine eigene Sprachlosigkeit aussprechen zu lernen und dabei immer wieder an der Schönheit zu scheitern. Wir Seatrekker philosophieren und sind daran, ein Wort zu definieren, das die Verbundenheit zum blauen Planeten bis hin zur kompletten Hingabe und Auflösung des Ichs im tiefen Blau zu beschreiben wagt: das «BlueOUT». Wir Menschen neigen dazu, alle stattfindenden Prozesse erfassen und begreifen zu wollen. Doch wenn nichts vom Erlebten greifbar und fassbar ist? So merkt der Mensch, wie er sich nicht mehr auf seine Vernunft verlassen kann und allmählich den vermeintlich sicheren Boden unter den Füssen zu verlieren vermag. Im Gefühl der Orientierungslosigkeit und im Verlust der eigenen Kontrolle wirkt das Meeresblau in seiner tiefgreifenden Wirkung auf uns und unsere Gedanken. Es ist ein bewusstes Jasagen, sich in die grenzenlose Erfahrung zu stürzen und dabei das Vertrauen in sich und die Natur zu finden. Der Verstand bleibt wachsam und lernt, wie die Natur ihn auf eine sanfte Weise zu führen beginnt. Die wechselwirkende Beziehung lässt den Menschen in seiner Einsamkeit verbunden fühlen, verbunden zu dem was ist und noch kommen mag - und genau dort beginnt die Selbsterfahrung in der Natur:
Der ambitionierte Segelturn verwandelt sich in das Ringen mit einem Sturm. Deine körperliche und geistige Präsenz sind gefordert und das Vertrauen darauf, dass das Schiff getragen wird von den Wellen des Meeres – die Schöpfung uns aller.»
Im intensiven Naturerleben begehen wir einen Weg zu uns selbst. Wir erfahren nicht nur, wie Quarch beschreibt, sondern beginnen zu erleben und zu handeln, denn es geht um unser Leben, um unsere Vergänglichkeit, die plötzlich unmittelbar Nahe erscheint. An Momente wie diese erinnert sich der Mensch lange zurück. Es sind Kraftmomente, die ihn lebendig die Verbundenheit zur Welt spüren lassen. Vielleicht trifft er dabei auf sein Lebenselixier, in dem er Berufen wird, so das Heldenprinzip, in der Welt zu wirken. Der Held kehrt früher oder später in seine gewohnte Welt zurück. Seine existenzielle Erfahrung beflügelt nicht nur ihn, sondern sein ganzes Umfeld spürt das Durchlebte. Doch entscheidet er alleine, ob es bei einer reinen Erfahrung bleibt oder sich selbst in einen noch unbekannten Prozess geben möchte, in dem das Neue zu bleiben eingeladen wird. So zeigt sich der innere Ruf des Helden als wachsende Sehnsucht, die darauf wartet, gehört zu werden.
Ariane Martin, Kulturanthropologin, beschreibt, wie die Sehnsucht der Anfang von allem ist. Sie spricht über die spirituellen Aufbrüche im 21. Jahrhundert und über die wiederkehrenden Suchbewegungen. Die Suche nach dem „Mehr“. Sie formuliert darin sieben Sehnsüchte, die Menschen antreiben auf dem Weg zum Verstehen seiner Selbst:
Die Gemeinschaft – das Erfahren von Zugehörigkeit
Das Weltverhältnis – Sich in der Relation zur Welt erfahren. Wo sehe ich mich, wo bin ich, wo gehöre ich hin?
Die Reise zu sich selbst – sich selbst begegnen
Die Heilung – dem krank machenden Bewusst werden, Heil werden, Gesund sein
Die Reise in die Weite – Der Fernblick, das Erden und Verbinden mit der Natur
Die Festigkeit – Orientierung, Beständigkeit
Die Verzauberung – versus der Entzauberung der Welt
Auf die siebte Sehnsucht möchte ich, gerade in Bezug zu den Gedanken von Quarch, näher eingehen: „Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet also nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: dass man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, dass es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt. Nicht mehr, wie der Wilde, für den es solche Mächte gab, muss man zu magischen Mitteln greifen, um die Geister zu beherrschen oder zu erbitten. Sondern technische Mittel und Berechnung leisten das. Dies vor allem bedeutet die Intellektualisierung als solche.“ (Max Weber)
Max Weber, deutscher Soziologe, spricht von der Entzauberung der Welt. Und ich glaube und meine zu wissen, dass die Menschen wieder nach dem Verspielten, nach dem Verträumten suchen, nach dem was eben ihnen nicht Klarheit gibt, aber sie dazu einlädt, Themen vom Kopf als Päckchen an das Herz abzugeben. Der verdrängten Intuition ein Gehör zu verschaffen und wieder zu lernen, auf das Bauchgefühl zu hören. So ist auch die extreme Naturerfahrung im Meer Abbild einer inneren Suche und segelt oder taucht dem Ungewissen im Vertrauen entgegen.
Chris Jaenicke, deutscher Psychoanalytiker, untermauert die Chancen der Verbundenheit zugleich mit dem Risiko, sich darin verlieren zu können. Ein Prozess, der sich vielleicht ganz innig als ein Spiel zwischen Dir und deinem Gegenüber ausgestaltet.
„Eine Gefährdung unserer Wahrnehmung der Grenzen zwischen Selbst und Anderem, unserer empfundenen Selbstheit, das Gefühl, ein Tropfen in einem Ozean zu sein, verschwindend klein und klaustrophobisch verloren im grenzenlosen Meer des Seins, so als wäre das Universum eine uns atmende Lunge. Die Frage lautet: Begrüssen wir die Erfahrung, Teil des Universums zu sein oder revoltieren wir mit einem Gefühl, das etwa sagt: „Lass‘ mich hier raus, ich will ich selbst sein.“
So möchte ich den Bogen zurück in die Erlebnispädagogik spannen. Die Sehnsüchte, die im nomadischen Unterwegssein aufkommen, sind existenziell, berühren und verändern. Um so wichtiger erscheint es mir, dass ein angstfreier Raum geschaffen werden kann, in dem Platz für einen wertefreien Austausch ist. Eindrücke und Erfahrungen werden dabei nicht kommentiert, sondern in ihrer Wirkungskraft unberührt stehen gelassen. Dabei ist es grundlegend wichtig, sich abzugrenzen, bei seiner Erfahrung zu bleiben und sich innerhalb von Ich-Botschaften zu Worte zu melden. Die systemische Prozessbegleiterin wird sich achtsam den unterschiedlich stattfindenden Prozessen nähern. Mit einem Gespür, die passenden Worte oder Methodik zu finden, welche das Erleben szenisch, kreativ oder rituell zu würdigen weiss.
Geschrieben für die Systemische Erlebnispädagogik 2019
Quellen:
Jaenicke, Chris; Das Risiko der Verbundenheit: Intersubjektivitätstheorie in der Praxis (2006). Stuttgart: Klett-Cotta Verlag.
Rehm, Gregor; Lang, Sabine 2012. Erlebnispädagogik und Spiritualität – von Berührungspunkten, Spiegelflächen und Chancen.
Vortrag Abenteuer Verantwortung von Christoph Quarch am internationalen Kongress «erleben und lernen»: Augsburg 2018